800 ehemalige Heim- und Verdingkinder sowie andere Opfer fürsorgerischer Zwangsmassnahmen sind in Langenthal zum nationalen Treffen zusammengekommen. Geladen hatte die Guido Fluri Stiftung, die mit der erfolgreichen «Wiedergutmachungsinitiative» das Schicksal der Verdingkinder ins nationale Bewusstsein und damit aufs politische Parkett gerückt hatte. Bundesrätin Elisabeth Baume-Schneider betonte an der Veranstaltung die Wichtigkeit dieses Treffens für die Betroffenen und die Schweiz als Ganzes. Das Leid, das die fürsorgerischen Zwangsmassnahmen über so viele Menschen gebracht hatten, dürfe nie vergessen werden.
13. Juni 2026
Die grösste Zusammenkunft ehemaliger Heim- und Verdingkinder fand in diesem Jahr in Langenthal statt. Die Gäste gehören zu den letzten noch lebenden Zeitzeuginnen und -zeugen dieses dunklen Kapitels der Schweizer Sozialgeschichte. Für Sozialministerin Elisabeth Baume-Schneider hat dieses Treffen der Guido Fluri Stiftung eine Bedeutung, die über den heutigen Tag hinausgeht: «Erinnerungen und Verletzungen, die man lange allein getragen hat, werden leichter, wenn man sie teilen kann. Und das gemeinsame Erinnern ist auch ein Beitrag an die Gesellschaft: Es hält wach, was nicht in Vergessenheit geraten darf.» Die Schweiz habe begonnen, dieses Kapitel aufzuarbeiten, so die Bundesrätin: «Aber Aufarbeitung ist kein abgeschlossenes Projekt. Sie ist ein Prozess. Aufarbeitung braucht Kontinuität, braucht Aufmerksamkeit, braucht Geduld. Nur wenn die Aufarbeitung von Dauer ist, wird auch das Erinnern von Dauer sein.»

Foto: Bundesrätin Elisabeth Baume-Schneider mit Guido Fluri und den anwesenden ehemaligen Heim- und Verdingkindern in Langenthal
Guido Fluri dankt der Bundesrätin
Für Guido Fluri, den Urheber der «Wiedergutmachungsinitiative», ist der Besuch der Bundesrätin der Beweis, dass sich im kollektiven Gedächtnis und Bewusstsein bereits eine Veränderung ergeben hat: «Die Anwesenheit der Bundesrätin bei 800 Menschen, die keineswegs auf der Sonnenseite des Lebens standen und viel Leid erfahren haben, ist Teil einer breiteren Wiedergutmachung. Damit zeigt sich, dass sich die Politik von heute mit der Politik von früher auseinandersetzt und sich aktiv bemüht, ein Stück Gerechtigkeit wiederherzustellen.»
Schutz der Kinder von früher und von heute muss im Zentrum bleiben
In seiner Rede schlug Guido Fluri, dessen Stiftung im Kindesschutz tätig ist, die Brücke von der «Wiedergutmachungsinitiative» aus dem Jahr 2014 zur aktuellen «Internet-Initiative», welche die Verbreitung sexueller Gewalt im Netz unterbinden will: «Das vergangene Jahrhundert hat uns gezeigt, was Schweigen, Wegsehen und institutionelles Versagen anrichten können. Das Jahr 2026 wird daran gemessen werden, ob wir erneut wegsehen oder ob wir endlich hinschauen. Ob Politik, Gesellschaft, Schulen, Familien und Technologieunternehmen bereit sind, den Schutz von Kindern höher zu gewichten als Bequemlichkeit, Gleichgültigkeit und vor allem Profitgier.»
Im Unterstützungskomitee der «Internet-Initiative» sind Vertreterinnen und Vertreter aller Parteien im Bundeshaus vertreten. Die überparteiliche Initiative hat in den ersten drei Monaten bereits 40’000 Unterschriften gesammelt.