HEIM- UND VERDINGKINDER

Grösste Zusammenkunft: Über 600 Verding- und Heimkinder aus der ganzen Schweiz vernetzen sich

Am Samstagmorgen haben sich in Langenthal über 600 ehemalige Verdingkinder und andere Opfer von fürsorgerischen Zwangsmassnahmen getroffen. Sie sind die letzten Zeitzeug:innen, welche das dunkle Kapitel Schweizer Sozialgeschichte erlebt haben. Ihr Ziel ist die Vernetzung über alle Sprachgrenzen hinweg. Die Aufarbeitung in der Schweiz, welche die Überlebenden erkämpft hatten, ist inzwischen zu einem Vorbild in Europa geworden. So orientiert sich auch eine Motion im Europarat an der Schweizer Lösung. Bei der historischen Zusammenkunft in Langenthal mit dabei waren nebst Guido Fluri, dem Urheber der Wiedergutmachungsinitiative, die Sängerin Francine Jordi sowie die Film- und Theaterschauspielerin Heidi Maria Glössner.

17. Juni 2023

Sie mussten auf den Höfen schuften, erlebten Misshandlungen und sexuellen Missbrauch - beim Treffen in Langenthal sind 600 Verding- und Heimkindern, administrativ Versorgte,  Zwangsadoptierte und andere Opfer von fürsorgerischen Zwangsmassnahmen zusammengekommen. Angereist waren sie aus der ganzen Schweiz, die älteste Person auf der Gästeliste war 95 Jahre alt. Das Treffen in Bern, das die Guido Fluri Stiftung organisiert hatte, ist ein denkwürdiger Moment, da immer mehr Zeitzeug:innen wegsterben. Die meisten Überlebenden sind heute zwischen 70 und 90 Jahre alt. Die Vernetzung über die Sprachgrenzen hinweg war darum ein vordringliches Ziel dieses Treffens.

Sommerfest 2023

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Europarat: Motion zur Aufarbeitung nach Schweizer Manier

Lange Zeit wurden das Leid der Schweizer Missbrauchsopfer verschwiegen. Letztendlich haben die Wiedergutmachungsinitiative und die anschliessende Aufarbeitung zu einem kollektiven Umdenken geführt. Heute ist das Unrecht offiziell anerkannt, 12'000 Betroffene haben noch zu Lebzeiten einen Solidaritätsbeitrag erhalten. Wie Guido Fluri, der Urheber der Wiedergutmachungsinitiative, in seiner Rede betonte, hat die Schweizer Aufarbeitung nicht nur in der Schweiz eine Bewegung ausgelöst: «Der Mut der Verdingkinder und anderer Missbrauchsopfer, die für ihre Rechte gekämpft haben, hat dazu geführt, dass wir heute ein Gesetz haben, das in ganz Europa Vorbildcharakter hat». Tatsächlich ist die wissenschaftliche Aufarbeitung der fürsorgerischen Zwangsmassnahmen, die sich über alle Opfergruppen erstreckt, für Europa einmalig. Das Interesse von Opfergruppen aus anderen Ländern an der Schweizer Erfahrung ist gross. Vor diesem Hintergrund hat der Schweizer Nationalrat Pierre-Alain Fridez, Mitglied der Schweizer Parlamentarierdelegation, beim Europarat eine Motion eingereicht, die im Kern die Aufarbeitung der Missbrauchsfälle in den europäischen Ländern nach Schweizer Vorbild fordert. Dabei geht es ebenfalls um Formen der Wiedergutmachung, welche die Überlebenden erhalten sollen. Im Herbst soll hierzu ein umfassender Bericht der zuständigen Kommission im Europarat verfasst werden. Eine Mehrheit ist absehbar.

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