Ursula Müller-Biondi wurde in den 60er-Jahren als Minderjährige in eine Frauenstrafanstalt weggesperrt.
Entweder als Sexobjekt oder als Störenfriedin hätten sie die Menschen verachtet. So beschreibt die heute 68-jährige Ursula Müller-Biondi ihre späte Jugendzeit. Damals, mit ihren langen braunen Haaren, verdrehte die wunderschöne junge Frau den Knaben den Kopf. Doch als Arbeiterkind mit italienischem Pass genoss sie keinerlei gesellschaftliche Rechte.
«Den Alltag verbrachte ich mit Mörderinnen.»
Zuhause schlug sie ihr Vater und bedrohte sie mit dem Messer. Mit 16 Jahren wurde sie schwanger und flüchtete aus Angst mit ihrer grossen Liebe ins Ausland. Dort griffen sie die Behörden auf und sperrten sie zur Nacherziehung in die Frauenstrafanstalt Hindelbank weg – ohne dass sie einen Gesetzesbruch begangen hätte. Ihre Eltern willigten in die Zwangsmassnahme ein, in der Annahme, es handle sich um ein geschlossenes Heim. Ihr Kind, das Ursula Müller-Biondi dort zur Welt brachte, wurde ihr nach der Geburt entzogen.
«Ich hatte jede Lebensperspektive verloren. Ich hatte alles verloren, was ich liebte: meinen Mann und meinen Sohn. Den Alltag verbrachte ich mit Mörderinnen. Wer an diesen Punkt gelangt, geht entweder oder schafft es zurück. Nach drei Monaten gab man mir mein Kind zurück, nachdem ich nicht aufgehört hatte zu schreien und zu drohen.»
Ursula Müller Biondi wurde 1949 in Zürich als Tochter einer Schweizerin und eines Italieners geboren. Zu dieser Zeit galt in der Schweiz, dass es in der Familie nur ein Bürgerrecht gibt, und zwar dasjenige des Vaters. Die in der Schweiz geborenen Kinder übernahmen automatisch das Bürgerrecht des Vaters. Entsprechend verlor eine Schweizerin, die einen ausländischen Mann heiratete, ihr Bürgerrecht und nahm das ihres ausländischen Ehemannes an.
«Dann war ich sofort 'ein Tschingg'.»
«Wenn ich mich als Ursula vorstellte, gehörte ich dazu. Sagte ich Biondi, folgte die Frage, woher ich komme. Dann war ich sofort «ein Tschingg». Dabei sprach ich Schweizerdeutsch und hatte nur wenig Italien im Blut… aber umso mehr Pfeffer und nicht nur Käse.»
Ursula Müller-Biondi war ihrer Zeit voraus. Mit ihrem Äusseren und ihrem Verhalten entsprach sie schon damals der Jugend von heute. Trug sie einen Minirock, bezeichneten sie die Menschen auf der Strasse als Drecksau.
«Wir waren Pioniere.»
«Ich musste lernen, mir solche Sachen nicht mehr gefallen zu lassen. Meine Generation kämpfte dafür, dass die jungen Leute heute so viele Freiheiten geniessen. Wir waren Pioniere. Deshalb tut es mir gut, wenn ich heute ein asiatisches oder afrikanisches Mädchen sehe, das ein breites Zürichdeutsch spricht.»

Ihren jugendlichen Freigeist hat Ursula Müller-Biondi nicht eingebüsst. Fünf Monate, nachdem sie ihr Kind zurückerhalten hatte, durfte sie das Gefängnis verlassen und startete ein neues Kapitel. Es begann eine eindrückliche Karriere, die sie unter anderem nach Genf ins International Labor Office der UNO führte.
«Ich habe es nur geschafft, weil ich 33 Jahre lang vor der Traumatisierung weggerannt bin. Jedes Mal, wenn sie mich einholte, habe ich ein neues Projekt gestartet – immer nach dem Motto vorwärts, vorwärts, vorwärts. So habe ich viel erreicht im Leben.»
«Es war wie ein Tsunami.»
Mit 50 Jahren endete ihre Flucht vor dem Erlebten. Sie erlitt einen innerlichen Zusammenbruch und begab sich in psychiatrische Therapie. In ihrem viel beachteten Buch «Geboren in Zürich» veröffentlichte sie ihre Lebensgeschichte, um sie endgültig zu verarbeiten. Aber erneut traf sie ein Sturm der Stigmatisierung. «Es war wie ein Tsunami. Mein engster Freundeskreis mied mich und erklärte mich für verrückt. Man bezichtigte mich zu lügen und mobbte mich für die Wahrheit, die ich sagte. Ich war in ein Hornissennest getreten. Eine Altjournalistin sagte mir, früher habe man die Landesverräter an die Wand gestellt.»
«Die schönste Rose wächst immer auf einem Misthaufen.»
Erst als sich im Jahr 2010 Bundesrätin Eveline Widmer-Schlumpf bei den Opfern fürsorgerischer Zwangsmassnahmen entschuldigte, kehrte der Wind. Ihre Freundinnen baten Ursula um Vergebung. «Es brauchte eine Bundesrätin, damit mir die Menschen glaubten. Unsere Gesellschaft ist obrigkeitshörig, weshalb die Medien und die Politiker mehr gegen die Stigmatisierung in unserer Gesellschaft tun sollten. Aber als Bürgerin muss man den ersten Stein werfen. Ich bin nie in Selbstmitleid verfallen und habe nie gehasst. Schliesslich sind es oft Menschen mit harten Schicksalen, die etwas Aussergewöhnliches schaffen. Ein Architekt aus Paris sagte mir einst: «Die schönste Rose wächst immer auf einem Misthaufen.»